Alleinfutter – was ist das eigentlich genau?

Hallo Ihr.

Wie Ihr dem Titel entnehmen könnt, geht es heute um ein ganz wichtiges Thema: Alleinfutter! Draufgeschrieben ist sowas ja mal schnell auf das Etikett. Spannend ist aber die Frage, was das eigentlich bedeutet, oder? Was muss ein Futter können, wenn es ein Alleinfutter sein soll? Und: Gibt es für Euch als Kunden die Möglichkeit zu prüfen, ob ein Futter diesen Anforderungen genügt? Dann mal los ins Getümmel …

 

„Alleinfutter“ ist erstmal nur ein Wort

Ein Alleinfutter ist so definiert, dass Eure Hunde oder Katzen bei alleiniger Fütterung dieses Futters alle Nährstoffe, d. h. Amino- und Fettsäuren, Vitamine, Mineralstoffe usw. bekommen, die sie brauchen. Wenn Ihr beispielsweise Eurer Katze ausschließlich eine bestimmte Sorte einer Futtermarke jeden Tag und das lebenslang füttern würdet und sie damit alle notwendigen Nährstoffe und genug Energie bekäme – das wäre dann ein Alleinfutter!

Jedes Futter, das diese Anforderung nicht erfüllt, ist dann im Gegensatz dazu ein Ergänzungsfutter. Es muss also ergänzt werden mit weiteren Futtermitteln (v. a. Mineralfutter) oder kann auch seinerseits als Ergänzung einer Ration hergenommen werden. Wie auch immer, für sich alleine reicht ein Ergänzungsfutter nicht aus, um Eure Hunde und Katzen vollständig zu ernähren.

 

Warum ist es wichtig, sich damit einmal auseinanderzusetzen? Weil Ihr, wenn Ihr ein Hundefutter oder ein Katzenfutter kauft, im Grunde davon ausgeht, dass es alle Nährstoffe enthält, die Eure Tiere brauchen, oder? Im Grunde geht Ihr davon aus, dass Ihr ein Alleinfutter kauft, wenn Ihr ein Futter kauft. Zumindest ist es das, was wir in Gesprächen mit Euch immer wieder heraushören oder konkret erzählt bekommen. Dass es hier aber Unterschiede gibt, dass die Futter unterschiedliche Anforderungen erfüllen oder auch nicht erfüllen, darüber geht dieser Blogbeitrag …

 

Was brauchen Hund und Katze denn eigentlich, um gesund zu bleiben?

Nährstoff- und Energiebedarf von Hunden und Katzen

Jedes Lebewesen hat einen ganz bestimmten Bedarf an Nährstoffen, benötigt also täglich eine bestimmte Menge Aminosäuren, Spurenelemente, Vitamine usw. Dieser Bedarf variiert zwischen Tierarten mehr oder weniger stark. So braucht eine Katze beispielsweise mehr Proteine als ein Hund, da sie erstens mehr Muskelmasse hat im Verhältnis zum Körpergewicht (und daher mehr Aminosäuren braucht, um z. B. Schäden dort auszubessern) und zweitens aus Proteinen auch Energie gewinnt, wobei diese verbraucht werden (was eine Besonderheit bei Katzen ist und ein Kennzeichen eines „reinen Fleischfressers„). Ein Futter für Katzen ist daher nicht optimal für Hunde. Und umgekehrt.

 

Wissenschaftlich ermittelte Bedarfszahlen

Hunde und Katzen brauchen also verschiedene Nährstoffe. Und diese in bestimmten Mengen. Für die meisten Nähstoffe beim Hund gibt es Bedarfszahlen. Und für die wichtigsten Nährstoffe, und einige andere, bei der Katze auch. Diese Bedarfszahlen sind richtige Zahlenwerte, die man über die Jahre ermittelt hat für die einzelnen Tierarten, d. h. es ist z. B. bekannt, wieviel Calcium ein Hund braucht und wieviel Taurin eine Katze, um gesund zu bleiben. Diese Bedarfszahlen wurden wissenschaftlich ermittelt und sind keine Vermutungen, Meinungen, Ansichten oder ähnliches. Es gibt mehrere Organisationen, die solche Bedarfszahlen veröffentlichen. Diese unterscheiden sich im Grunde aber nur wenig. Es gibt auch immer wieder Doktorarbeiten zu verschiedenen Nährstoffen, in denen konkrete Aussagen getroffen werden.

 

Ist ja ganz leicht, oder? Einfach alles rein, was wichtig ist …

Das liefern die Zutaten

Jetzt wissen wir also, was die Tiere brauchen, und jetzt muss man nur noch wissen, wieviel Nährstoffe in den verwendeten Zutaten sind. Auch hier weiß man (durch Analyse) relativ gut Bescheid, was Durchschnittswerte angeht. Wieviel Proteine, Fett usw. ein einzelnes Stück Fleisch aber konkret enthält, kann man nicht genau sagen und ist eher eine Schätzung. Daher kann auch ein sehr gut zusammengestelltes Futter – beispielsweise in einem Futtertest – mal etwas zu geringe oder zu etwas zu hohe Nährstoffgehalte aufweisen. Solche Tests sind immer nur eine Momentaufnahme und es ist gar nicht so tragisch, wenn mal in einer Dose oder einem Sack die Nährwerte etwas abweichen – solange sich das alles in einem gewissen Rahmen bewegt und solange diese Abweichung nicht an einer suboptimalen Konzeption der Futterrezeptur liegt!

Wie auch immer: Ein gutes Futter enthält möglichst viele Nährstoffe aus den natürlichen Rohwaren und nur soviel Zusatzstoffe, wie nötig sind. Das ist der Unterschied zu einem minderwertigen Futter, das hauptsächlich minderwertige, nährstoffarme Rohwaren enthält und die meisten Nährstoffe deswegen zugesetzt werden müssen. Also sind Zusatzstoffe eher schlecht? Nein! Genau das Gegenteil ist der Fall! Zusatzstoffe sind notwendig und wichtig in einem Alleinfutter.

EIN ALLEINFUTTER OHNE ZUSATZSTOFFE GIBT ES NICHT!

Ich habe zu diesem Thema „Zusatzstoffe im Futter“ gerade erst ein Video gemacht, in dem ich genau erkläre, warum Zusatzstoffe wichtig sind und warum das so ist. Bitte schaut Euch dieses Video an, wenn Ihr daran interessiert seid. Dann seht Ihr klarer und könnt sachlich richtig diskutieren, wenn mal wieder Halbwissen oder Dogmen kursieren …

VIDEO: Warum Zusatzstoffe im Alleinfutter wichtig, ja notwendig sind!

 

Alleinfutter – das muss rein

Ein Alleinfutter muss also so zusammengestellt sein, dass die Bedarfszahlen für die Nährstoffe der jeweiligen Tierart oder z. B. Altersstufe von den enthaltenen Rohwaren erreicht werden. Diese Nährstoffe sind konkret:

  • Proteine (aus Aminosäuren)
  • Fette (d. h.  Fettsäuren)
  • Kohlenhydrate (Mehrfach- und Einfachzucker)
  • Fasern (unverdauliche Bestandteile, meistens Kohlenhydrate)
  • Mineralstoffe (z. B. Calcium, Phosphor, Jod etc.)
  • Vitamine (unterschiedliche Stoffe, die alle lebenswichtig sind)
  • und Energie (das ist kein Nährstoff, sondern eine Eigenschaft von Nährstoffen).

Ein gutes Futter enthält Rohwaren guter Qualität, die möglichst viele dieser benötigten Nährstoffe liefern. Alle Nährstoffe, die (wie im Video oben erklärt) in den Rohstoffen entweder

  1. nur unsicher Mengen enthalten sind oder starken Schwankungen unterliegen,
  2. beim Herstellungsprozess bekanntermaßen zerstört oder inaktiviert werden
  3. oder die während der Lagerung verloren gehen

müssen als Zusatzstoffe das Futter ergänzen.

 

Diese Ergänzung erfolgt nicht, um rechtliche Vorgaben einzuhalten, sondern deswegen, damit der tatsächliche Bedarf Eurer Tiere gedeckt wird! Eine Überdosierung mit den zugesetzten Nährstoffen wird dadurch NICHT erfolgen, weil:

  1. Viele zugesetzte Nährstoffe sind wasserlöslich, d. h. wenn zu viel davon im Körper sind, werden sie einfach über den Harn ausgeschieden.
  2. Die Nährstoffe werden im Darm erst gar nicht resorbiert, wenn genug im Körper vorhanden sind.
  3. Überdosierungen werden erst ab einem vielfachen der empfohlenen Bedarfsmengen erreicht (wohingegen Unterdosierungen sehr schnell tatsächliche Probleme machen).

Lasst Euch also nicht verunsichern und kein „komisches Bauchgefühl“ zu Zusatzstoffen machen. Bei „zu viel“ kann der Körper etwas tun, bei „zu wenig“ dagegen nicht. Die Gefahr einer Unterversorgung mit Nährstoffen ist – wenn keine Zusatzstoffe eingesetzt werden – viel höher und realer, als eine „Überdosierung“, wenn Zusatzstoffe in empfohlenen Mengen im Futter vorhanden sind. Dann geht sie nämlich gegen null. Die Gruselgeschichten dazu entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage. Seid mündige Tierhalter, entscheidet auf Grundlage von Fakten.

 

Die Aufzählung war nicht ganz vollständig …

Was fehlt noch? Wasser! Das ist der wichtigste Nährstoff für alle Lebewesen auf diesem Planeten. Ohne Wasser sind alle anderen Nährstoffe nutzlos. Aber: ausreichend Wasser muss ein Alleinfutter NICHT enthalten, da wir alle (egal ob Hund, Mensch und mit Einschränkungen auch die Katze) hier einen starken Rückkoppelungsmechanismus haben, wenn zu wenig Wasser im Organismus vorhanden ist: Durst! Fehlt Wasser, dann trinken wir. Warum ich bei der Katze „mit Einschränkungen“ gesagt habe? Katzen sind Tiere, die ursprünglich aus sehr warmen Ländern kommen. Wasser (durch Regen, aus Seen und Bächen etc.) ist dort Mangelware. So kommt es, dass sie zum einen sehr sparsam mit ihrem Wasserhaushalt umgehen (der Organismus arbeitet also generell mit niedrigeren Wassergehalten), zum anderen Wasser eher nicht trinken, sondern über feuchte Nahrung aufnehmen, z. B. über Fleisch, das mehr als 2/3 Feuchtigkeit enthält. Daher arbeitet hier der Regelmechanismus „Durst“ nicht so zuverlässig. Das ist auch der Grund, warum Katzen, die überwiegend bzw. ausschließlich mit Trockenfutter ernährt werden, im fortgeschrittenen Alter häufiger Probleme mit den Nieren bekommen. Aber das ist wieder ein separates Thema für den Blog hier …

 

Darauf kommt es bei einem Alleinfutter erstmal NICHT an (Beispiele)

  • ob ein Futter ein paar Testessern schmeckt und von diesen gut vertragen wird

Ein Beispiel: Ein Butterbrötchen mit Schnittlauch schmeckt vielen Menschen gut. Dennoch enthält es bei weitem nicht alle Nährstoffe, die Menschen brauchen, um gesund zu bleiben. Es ist demnach kein „Alleinfutter“. Ganz egal, wie lecker es schmeckt, ganz egal, ob man davon keinen Durchfall bekommt oder auch doch. Die Aussagen „schmeckt“ und „gut verträglich“ sind daher zur Beurteilung eines Alleinfutters völlig ungeeignet. Warum dieses Beispiel? Weil das Internet voll ist mit „Futtertests“, die genau diese Punkte im Fokus haben! Diese sagen aber schon so gut wie nichts aus über die Qualität der Rohstoffe eines Futters (also ob ein Futter qualitativ hochwertig ist) und rein gar nichts über dessen ernährungphysiologische Qualität (also ob alle Nährstoffe drin sind). Was sollen also solche „Tests“? Was bringt dem Leser eine ausgesprochenen Empfehlung, außer eine Scheinsicherheit? Ganz klar, am Ende muss ein Futter meinem Hund auch schmecken. Dieser Punkt ist elementar. Aber eben erst am Ende. Dann, wenn alle anderen Parameter abgesichert sind.

  • ob sich die Zusammensetzung für Menschen hochwertig anhört oder nicht

Futter wird für Tiere gemacht, aber von Menschen gekauft. Das kann ein Problem sein! Nachdem es jahrzehntelang fast nur Schrottfutter gab, sind wir Tierfreunde natürlich gebrannte Kinder. Hinter jedem Inhaltsstoff, den wir nicht kennen oder der sich „komisch“ anhört, vermuten wir gleich Lug und Betrug. Natürlich ist es gut, wachsam zu sein, aber dieser Fokus auf die Zusammensetzung hat auch dazu geführt, dass manche Hersteller „Deklarationsdichter“ einstellen. Diese verfremden auch Dinge, die keinen Nutzen für Eure Tiere haben, zu Begriffen, von denen Ihr dann Eure Kaufentscheidung abhängig macht. Wer beispielsweise ein Dosenfutter kauft, weil es „Fleischbrühe“ enthält, der hat sich buchstäblich weismachen lassen, dass nicht alle mit „Wasser“ kochen …

  • ob bestimmte Rohstoffe drin sind oder nicht („mit dem und dem Fleisch“, „ohne Getreide“)

„Und getreidefrei muss es natürlich sein.“ Das ist ein Satz, den man häufig hören kann, wenn sich Menschen nach einem geeigneten Tierfutter erkundigen. Warum eigentlich getreidefrei? Ich habe hierzu einen anderen Blogbeitrag verfasst, den Ihr Euch hier anschauen könnt (mit Video!): Link Bleibt aufmerksam und schaut hinter die Kulisse. Es kommt nicht primär auf die Rohstoffe an, sondern auf die Nährstoffe, die in diesen Rohstoffen enthalten sind. Ja, hochwertig sollten die Zutaten sein. Aber ob die Aminosäuren aus Lamm- oder Rindfleisch oder die Fettsäuren aus Sonnenblumen- oder Lachsöl stammen, ist gar nicht so entscheidend – zumindest wenn Eure Tiere gesund sind (und beispielsweise nicht an Allergien leiden).

 

Alleinfutter: Fazit

Ein gutes Alleinfutter machen geht so: 1. Bedarfszahlen der Tiere kennen, 2. mit den Rohwaren eines Futters möglichst viele Nährstoffe zur Deckung dieses Bedarfs in Futter bringen, 3. wissen, wie sich Herstellung und Lagerung auf den Nährstoffgehalt in den Rohwaren auswirken, 4. Nährstoffverluste und -schwankungen durch Zusatzstoffe ausgleichen.

Wichtige Info (nochmals zur Wiederholung): Es ist häufig so, dass sehr hochwertige Futter, deren Nährstoffgehalte größtmöglich aus den Rohwaren stammen, eher Schwankungen in den Nährstoffgehalten zeigen (und in einer Momentaufnahme wie einem Futtertest dann auch mal „schlechter“ abschneiden können), als solche Futter, die sehr viel Nährstoffe von Vornherein nur aus Zusatzstoffen erhalten! Das liegt daran, dass man als Hersteller immer nur die Durchschnittswerte der in den Rohwaren vorhandenen Nährstoffe heranziehen kann (weil nicht jedes einzelne Stück Fleisch analysiert werden kann).

Das heißt aber nicht, dass es okay ist, ein Futter nicht bedarfsgerecht zu konzipieren, solange man nur hochwertige Zutaten verwendet! Ein Alleinfutter, das minderwertige Rohstoffe und die Nährstoffe großteils als Zusatzstoffe enthält, ist kein gutes Futter. Aber ebenso kein gutes Alleinfutter ist eines, das hochwertige Rohstoffe verwendet, aber konzeptionell nicht ausreichend Nährstoffe enthält.

 

So. Lange hat es gedauert, aber das Thema ist es wert. Ich hoffe, dass Ihr Euch aus dem Artikel hier etwas mitnehmen könnt. Der Tierfuttermarkt ist überfrachtet mit Märchen und Sagen, Fehleinschätzungen und Halbwissen, emotionalen Meinungen und manipulativen Aussagen. Lasst uns etwas Klarheit hier reinbringen. Nur weil heute jeder etwas sagen kann, heißt das noch nicht, dass jeder etwas zu sagen hat. Manche schöne Geschichte ist eben manchmal nicht viel mehr: eine Geschichte. Und davon sollten wir nicht die Fütterung unserer Haustiere abhängig machen, oder?

 

Euer Tierarzt Dr. Gregor Berg

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